
Leon Weintraub: „Hier kommt man nicht, um zu leben." GB-Foto: Vecsey
In Raum 44 wird es still. 50 Zehntklässler, 15 oder 16 Jahre alt, schauen auf den 100-Jährigen am Bildschirm. Leon Weintraub sitzt im Stockholmer Arbeitszimmer. Er beginnt zu erzählen - und Bilder kehren zurück, die ihn seit acht Jahrzehnten begleiten. Was die Jugendlichen aus Büchern kennen, hat er erlebt. Von 80 Angehörigen überlebten 16. Erzählen sei „eine innere Verpflichtung". Vergessen hieße, die Ermordeten „noch einmal zu töten".
Weintraub ist 13, als die Wehrmacht 1939 Lödi besetzt. Noch heute hört er genagelte Stiefel auf dem Pflaster; es laufe ihm eiskalt den Rücken hinunter. Den Aufruf von Regierungspräsident Übelhör gibt er so wieder: Das Ghetto sei nur vorläufig, Ziel sei, „diese Pestbeule ein für alle Mal auszurotten". „Damit wurde ich ein Teil dieser Pestbeule."
Nach zwölf Stunden Arbeit: Brot, wässrige Suppe, Rüben
Die Besatzer benennen Lödi in Litzmannstadt um. Mit sieben Angehörigen teilt er im Ghetto ein Zimmer. Nach zwölf Stunden Arbeit: Brot, wässerige Suppe, abends Kohlrüben - „eigentlich Viehfutter". Was Jugendliche nach einem versäumten Mittagessen Hunger nennen, sei „nur ein gesteigerter Appetit". Wirklicher Hunger sei anders: ein schmerzhafter Druck im Magen, der ihn nicht schlafen ließ und morgens schon da war. Fünf Jahre, sieben Monate und drei Wochen kreiste alles um eine Frage: „Wie bekomme ich etwas zu essen?" 1942 entreißen Polizisten Müttern ihre Kinder. Die Schreie hört Weintraub bis heute. Binnen Tagen werden mehr als 15 000 Menschen verschleppt; wohin, weiß niemand. Vom Morden ahnt die Familie nichts. Klagen die Kinder über Hunger, tröstet die Mutter: Anderswo herrsche Krieg. „Das droht uns ja nicht, denn wir sind ja zusammen." 1944 zwängt sich die Familie bei der Räumung hinter einem Schrank in einen Spalt. „Bitte, nur nicht schießen!", ruft die Mutter. Sechs kriechen hervor. Schwester Rosa bleibt zurück; sie kommt beim Minenräumen nahe Königsberg um. Sie werden in einen Güterwaggon gepfercht, Körper an Körper, in einer Ecke ein Kübel. Die Türen reißen auf: „Raus, raus!" Man entreißt ihm den Rucksack. „Aber meine Briefmarkensammlung!", ruft er. „Hier kommt man nicht, um zu leben."
Frauen rechts, Männer links. Er glaubt an eine Zählung. „Mama, wir sehen uns drinnen", ruft er und winkt. Dann der Schock: „Wo bin ich gelandet, dass der Zaun mit stromführenden Leitungen ausgestattet ist?" Ein Daumenzeig eines SS-Arztes entscheidet: Tod oder Zwangsarbeit. Beim Scheren entstehen Schnitte, die Desinfektion brennt. Im Jugendblock 10 ist er allein. Schwarzer Rauch steigt auf. Über dem Lager liegt der Geruch verbrannten Fleisches. Wochen später drängt er sich in eine Arbeitsgruppe, die Auschwitz verlässt. Niemand kontrolliert ihn; er trägt keine Auschwitz-Nummer. Wie er später erfährt, werden die anderen aus Block 10 kurz darauf in der Gaskammer ermordet. „Sonst könnte ich heute nicht zu euch sprechen."
Im Groß-Rosener Außenlager Dörnhau reißen bei der Hinrichtung zweier Häftlinge die Seile. Neue werden geholt; als beide noch leben, schießt ihnen der Lagerführer in die Stirn. „Menschen getötet zu sehen, war der Alltag. Zu überleben war die Ausnahme." Dort wird er das einzige Mal satt: Ein Arbeitsleiter nimmt ihn in eine Wohnung; dort stehen Suppe und Brot. Er isst und isst - und hofft, die Männer mögen lange fortbleiben.
Im Winter 1944/45 folgt ein Todesmarsch. In Fünferreihen ziehen die Häftlinge durch Schnee und Matsch; wer fällt, wird erschossen. Kein Essen, kein Wasser, nur Schnee für die Lippen. Über Flossenbürg gelangt er ins Außenlager Offenburg des KZ Natzweiler-Struthof. Dort wäscht er Wäsche der Wachen. Nach einem Missgeschick wird er über einen Tisch gespannt; beim achten von 25 Schlägen wird er bewusstlos. Nahe Hintschingen dröhnen Motoren, Explosionen folgen. Die Lok stoppt; die Wachen verschwinden, SS-Uniformteile liegen im Gebüsch. Vom Baum sieht Weintraub, wie andere zurückgetrieben werden. Ein französischer Soldat erkennt sie am „KL" und den kahlen Streifen im Haar - der „Läusepromenade" - als Häftlinge. Im Gasthof „Zur Sonne" finden sie Essen. Nach Jahren des Hungers kann Nahrung zur Gefahr werden. Weintraub warnt, nicht zu viel zu essen; ihre Körper seien es nicht gewohnt. Bald kommt er mit Fleckfieber ins Lazarett. In Konstanz hört er zufällig von drei Frauen seines Namens in Bergen-Belsen. Seine Schwestern halten ihn für tot. Nun steht der Totgeglaubte vor ihnen. Die Freude sei unvorstellbar gewesen. Nach so viel Tod beschließt Weintraub: Er will Geburtshelfer und Frauenarzt werden - „um zum Leben zu helfen". „Wir werden als Menschen geboren - bleibt Menschen von der Wiege bis zum Sarg", gibt er den Jugendlichen mit. Vorurteile seien nicht angeboren; Menschenrassen gebe es nicht, nur den Homo sapiens. Kurz ist es still, dann setzt Applaus ein. Weintraub legt dankend die Hände auf die Brust, blickt ins Klassenzimmer und hebt sie zum Abschied. Für einen Augenblick scheint die Entfernung zwischen Herrenberg und Stockholm verschwunden. Dann endet die Verbindung.
(Artikel erschienen am 19.09.2026 im Gäubote Herrenberg. Wir danken der Redaktion des Gäubote für die freundliche Genehmigung des Nachdrucks. Siehe auch www.gaeubote.de).