2015-05 Verkehrssicherheitstag 2015

Kaum jemand weiß, wo der tote Winkel ist
 
Herrenberg: Verkehrssicherheitstag im Markweg-Schulzentrum sensibilisiert die Achtklässler
 
von Sabine Haarer, Gäubote Herrenberg, 16.05.2015
 
betreuender Lehrer: Hermann Rösch

Augen auf im Straßenverkehr! Diese Maxime gilt auch und gerade für Jugendliche auf dem täglichen Weg in die Schule. Weil man um die Gefahren weiß, wird im Schulzentrum Schießtäle alle Jahre wieder ein Verkehrssicherheitstag auf die Beine gestellt. Längst ist ein tragfähiges Netzwerk entstanden, das die Achtklässler aller drei weiterfhrenden Schulen sensivilisiert und schult.

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 Dieser Schüler zeigt, wie lang der Bremsweg beim Fahrrad ist.                                  GB-Foto: Holom

 

Diese Wette hätte Vanessa Scholz mit Sicherheit gewonnen. Immer wieder. "Ich bin mir sicher, dass ihr nicht alles seht", so ihre Ansage an die Achtklässler, die die Klappen über den schmalen Sehschlitzen öffnen und ins Innere des vollständig abgedunkelten Pavillons spickeln. "Dunkeltunnel" steht in großen Buchstaben über dem kleinen Zelt. "Rechts stehen ein Mann und ein Fahrrad", so die souveräne Antwort der Schüler. Dass Puppe und Rad aber auch in der linken Ecke stehen, haben die wenigsten gesehen. Keine Reflektoren an den Speichen, keine fluoreszierende Streifen auf der dunklen Jacke - die Konturen verschwimmen im Dunkeln fast bis zur Unkenntlichkeit. Die Botschaft, die Vanessa Scholz vermitteln will, ist klar: Wer nicht entsprechend ausgestattet ist, wird im Straßenverkehr leicht übersehen. "Es ist wichtig, dass man die Kinder für den Radverkehr fit macht" sagt die Standbetreuerin, die aus mehreren Gründen an diesem Morgen vor Ort ist: Als Mutter dreier Kinder, als stellvertretende Vorsitzende des Gesamtelternbeirats und als Mitarbeiterin eines Gültsteiner Radladens ist ihr der Tag wichtig. Der „Dunkeltunnel" ist eine von sechs Stationen beim Verkehrssicherheitstag im Schulzentrum Markweg.

Wie schon in den vorangegangenen elf Jahren dreht sich für die Achtklässler aller drei Schulen an diesem Tag alles um die Themen Verkehr und Sicherheit. Die Verkehrsbeauftragten Hermann Rösch (Jerg-Ratgeb-Realschule), Lutz Rasemann (Andreae-Gymnasium) und Brigitte Ohmenzetter (Vogt-Heb-Werkrealschule) sind in bewährter Manier für die Organisation zuständig. Mit Schülermentoren, Fördervereinen und Elternbeirat, mit Polizei, Fahrschule und jeweils zwei Busunternehmen und zwei Radläden hat man verlässliche Partner mit im Boot. Seit Jahren schon ist im Schießtäle ein engmaschiges Netz gespannt. Das sorgt dafür, dass die Schüler auch in diesem Jahr auf vielfältige Weise gefordert sind. Verschiedene Parcours schulen die Koordination der Achtklässler auf zwei Rädern, nebenbei werden theoretische Inhalte vermittelt. Doch nicht nur wer mit dem Fahrrad zur Schule kommt, lernt etwas dazu. Sondern alle, die am Straßenverkehr teilnehmen.

In der Adlerstraße hat Fahrlehrer Jens Reichert seinen Lastwagen abgestellt. 14 Tonnen schwer ist er, so wie er dasteht und trotz zahlreicher Spiegel und Rückfahrkamera können die Schüler auf Fahrer- und Beifahrersitz nicht alle Bälle sehen, die sie vorher um das Fahrzeug herum verteilt haben. "Dass es den toten Winkel gibt, wissen alle", so die Erfahrung von Jens Reichert. "Doch kaum jemand weiß, wo er wirklich ist." Denn wer nicht direkt auf Tuchfühlung mit dem Lkw geht, bleibt im Anfahrspiegel unsichtbar. Schwierig wird es eher, wenn es einen Abstand von ein, zwei Metern gibt. Jens Reichert kann ein ganz praktisches Beispiel nennen: Wer auf dem Schießtäle-Radweg unterwegs ist und vorne den Zebrastreifen queren will, wird dort leicht übersehen. Der schmale Grünstreifen neben der Fahrbahn schafft einen gefährlichen Abstand.

Schaumstoffteil wird gerammt

Gefährlich kann es auch für die werden, die den Bremsweg unterschätzen. Wie sehr, das zeigen Günter Menyhert und Sandra Köhler. Die beiden Polizisten, bei der Verkehrsprävention der Polizeidirektion Böblingen im Dienst, lassen abwechselnd die Reifen an ihrem Kleinbus quietschen. Kontrolliert wird ein Schaumstoffteil gerammt, die klare Ansage: Es könnte auch ein Mensch sein, der hier unter die Räder gerät. Dass das Einhalten von Abstand und Geschwindigkeitsbegrenzungen nicht nur für Autofahrer ein Muss ist, demonstrieren die beiden Polizeibeamten anschaulich. Oder vielmehr Sie lassen demonstrieren. Denn mit Hannah, Dennis, Yannick, Jan-Luca und Micha stehen ihnen fünf "Stuntmen" zur Verfugung. Auf Longboard, Kickroller, Fahrrad, Roller und lnliner düsen sie die abschüssige KalkofenstraBe hinunter und zeigen, wie viel Wegstrecke es braucht, bis man trotz Vollbremsung zum Stillstand kommt. Auf eindrückliche Praxistests setzen auch Ulrich Bachmann und Herbert Däuble. Beide haben ihre Busse mitgebracht, beide lassen die Schüler das tun, was diese an der Bushaltestelle nur allzu gerne machen: drängeln, drücken und schubsen. Zwar ist das Stöhnen danach unüberhörbar, doch die Achtklässler zeigen sich von ihrer harten Seite: "Cool" und "geil" sei es, auf diese Weise zu einem Sitzplatz zu kommen. Dass die Stoppuhr beim zweiten, kontrollierten Einsteigen ganz zwölf Sekunden weniger anzeigt, sorgt für überraschte Gesichter. Während sich mancher noch den schmerzenden Ellenbogen oder Bauch hält, wechseln die Busfahrer zu anderen Themen über das Verhalten im Brandfall, der sichere Stand während der Fahrt, das Abstandhalten zur Fahrbahnkante an der Bushaltestelle ähnlich wie am Bahnsteig, all das wird angesprochen beim Verkehrssicherheitstag und in der Praxis auch gleich geübt.

(Artikel erschienen am 16.05.2015 im Gäubote Herrenberg. Wir danken der Redaktion des Gäubote für die freundliche Genehmigung des Nachdrucks. Siehe auch www.gaeubote.de).

 

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