2017-05 Achtung!

Wichtige Antworten nicht Youtube überlassen
 
Herrenberg: Experten klären an Ratgeb-Realschule Eltern, Lehrer und Schüler über Extremismus-Gefahren auf.
 
von Sven Gruber, Gäubote Herrenberg, 17.05.2017
 
betreuende Lehrerin: Silke Würth
 
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Die Ausstellung im Schulhaus ist Teil des einwöchigen Präventionspröjekts „Achtung?!"    GB-Fotos: GB
 

Wie erkennen Eltern mögliche extremistische Tendenzen bei ihren Sprösslingen? Eine fertige Checkliste können auch die Polizistin Türkan Karakus und der Noch-Verfassungsschützer Daniel Meyer nicht bieten. Aber das Wissen über mögliche Warnzeichen. Und das versuchen beide in einer Themenwoche an der Jerg-Rat-geb-Realschule (JRS) Eltern, Lehrern und Schülern zu vermitteln.

„Kennen Sie Dominic Schmitz?", fragt die Ludwigsburger Polizeikommissarin Türkan Karakus in die Runde. Die „Präventionerin" vom Ludwigsburger Präsidium blickt in fragende Gesichter. Keiner der rund 30 Eltern scheint mit dem Namen etwas anfangen zu können. Gut fünf Minuten später wird sich das nach einem kleinen Film geändert haben: Schmitz, aufgewachsen in Mönchengladbach, ist einer der bekanntesten deutschen Aussteiger aus der Salafisten-Szene. Jener recht jungen Strömung des Islam, die die Polizei und der Verfassungsschutz auch in Baden-Württemberg im Auge behalten. „Sie ist am attraktivsten für junge Leute und wächst am stärksten" wirft Karakus ein.

 

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Karakus (links) und Meyer

Doch warum wurde aus dem damals 17-jährigen Dominic der zum Islam übergetretene Musa Almani? „Ein Mensch, dem es seelisch gut geht, wird kein Extremist", erzählt Schmitz, ein „Trennungskind und Schulschwänzer". Ein Freund habe ihn damals mit der neuen Religion bekanntgemacht. „Während Jungs in meinem Alter über Frauen, Fußball und Drogen gesprochen haben, haben wir über Gott und die Welt geredet. Ich habe mich nützlich gefühlt und auf schwere Fragen sehr, sehr einfache Antworten erhalten. Antworten, die ich als 17-Jähriger gesucht habe."

Genau dieser Wissensdurst, das Hinterfragen der Welt und die Suche gerade pubertierender Jugendlicher nach ihrem Platz in der Gesellschaft nutzten extremistische Gruppen - egal ob rechts-, linksgerichtet oder islamistisch - perfide aus. Die Strategien sind eins zu eins identisch", sagt Daniel Meyer, langjähriger Mitarbeiter des baden-württembergischen Verfassungsschutzes. „Die Masche funktioniert über Anerkennung und Ausgrenzung, dazu werden anziehende Rollenmodelle geboten" fügt Karakus hinzu. Ich kann nur Moslem sein, aber nicht gleichzeitig VfB-Fan."

Eltern sollen „auch mal googeln"

Zweifelnden Eltern machen beide Experten grundsätzlich Mut: „Man kann nicht auf jede Frage direkt eine Antwort parat haben", sagt Karakus. Was Erziehungsberechtigte allerdings könnten „und sollen: Genau hinschauen, sich interessieren - und auch mal googeln." Denn oft seien es kleine Signale. In einer Suchmaschine wie Google etwa würden stark gefragte Begriffe oft über den zugrunde liegenden Algorithmus bereits als Vorschlag gelistet. „Hinterher heißt es dann meistens: 'Ja, die Anzeichen waren da'", ergänzt Meyer.

Darüber hinaus wandele sich auch die extremistische Szene „ziemlich clever",  weil nicht mehr nur Menschen aus unteren Schichten sich abgehängt fühlten. „Heute kann niemand mehr ein Hakenkreuz offen auf der Stirn tragen. Damit findet man keinen Job und wird von der Gesellschaft ausgegrenzt." Die Identitäre Bewegung etwa lege einen „Ethnopluralismus zugrunde", der auf den ersten Blick harmlos daherkomme. „Die Unterschiede zu bewahren ist toll, aber gleichzeitig wird davor gewarnt, dass Kulturen aussterben, wenn sie nicht klar abgegrenzt werden." Heißt übersetzt: „Dahinter steht ein Rassenkonzept. Und das richtet sich gegen eine freiheitlich demokratitische Grundordnung." Die Gruppe stehe daher nicht grundlos im Verfassungsschutzbericht.

Aber Achtung: Nicht jeder Moslem ist ein Salafist. Nicht jeder Salafist ist zwangsläufig ein Extremist", warnt auch Karakus vor pauschalen Urteilen. Beim Salafismus etwa versuchten die Anhänger so zu leben wie zu Zeiten des Propheten Mohammeds und wollen die Quellen wortgetreu auslegen. „Solche strengen Strömungen gibt es im christlichen Glauben in Bezug auf die Bibel auch."

Worin sich die einschlägig bekannten Gruppen noch ähneln: „Das Opfernarrativ wird bedient: Wir sind die Guten, die anderen wollen uns Böses", ergänzt Karakus, die mit Meyer seit September 2016 Schulen besucht, um aufzuklären. Hinzu komme, dass nur noch Gewalt als Möglichkeit bestehe, um eigene Ziele durchzusetzen. „Und letztlich das Fischen in sozialen Netzwerken", ergänzt Meyer, schränkt aber ein: „Online wird niemand zum Extremisten. Aber es ist ein Berührungspunkt mit der Ideologie." Die Internet-Auftritte, sei es bei Youtube, Instagram oder Facebook, sind oft ausgeklügelt. „Sie benutzen Elemente und Erzählformen, die die Zielgruppe ansprechen", sagt Meyer, „nicht nur die Anhänger im Netz wissen genau, wie weit sie gehen können, bevor es strafrechtlich relevant wird." Das mache es oft schwer, das Geflecht zu durchschauen. „Die Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Daher schreiten die Behörden erst sehr spät ein."

„Einfach gut hinhören"

Für JRS-Rektor Alexander Riegler ist die „Achtung?! "-Projektwoche „ eine enorme Hilfe: Schule und Familie sind Multiplikatoren, die gemeinsam die Kinder stark machen müssen. Wichtige Antworten darf man nicht Youtube überlassen.". Auch der Nufringer Guido Sarnowski, Vater von vier Kindern und Elternvertreter, ist sich sicher: „Aufklärung hilft. Je früher, desto besser." Dazu sollen auch ein interaktives Theaterstück für alle Neuntklässler an diesem Donnerstag in der Christuskirche, Filmvorführungen und eben die Ausstellung im Schulhaus beitragen. „Am Ende hilft vor allem eins", meint die Haslacher Elternvertreterin Sandra Sarraf: „Wir müssen einfach gut hinhören."

Weitere Informationen über Hilfs- und Beratungsangebote gibt es im Netz auf www.radikalisierung.info.

(Artikel erschienen am 17.05.2017 im Gäubote Herrenberg. Wir danken der Redaktion des Gäubote für die freundliche Genehmigung des Nachdrucks. Siehe auch www.gaeubote.de).