2013-03 Märchenerzählung in der Mediothek

Goldener Schlüssel zur Schatzkiste
 
Herrenberg: Ulrike Krawczyk erzählt unbekannte Geschichten und einen Klassiker
 
von Rüdiger Schwarz, Gäubote Herrenberg, 16.03.2013
 
Die Stuttgarterin Ulrike Krawczyk steht nicht nur in der weltweiten und uralten Tradition der Märchen und Sagen, sondern ist auch in den Schuhen ihrer Mutter Sigrid Früh unterwegs. Die zählt zu Deutschlands bekanntesten Märchen- und Sagenforscherinnen. In der Mediathek der Herrenberger lerg-Ratgeb-Realschule packt die Märchenerzählerin drei eher unbekannte Geschichten und einen Klassiker aus.

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Stellen den Stadtplan "Herrenberg barierefrei" vor (von links): Gerhard Stocker, Vorsitzender des Fördervereins Jerg-Ratgeb-Realschule, Katarina Schneiderová, Rita Pehlke-Seidel, Jan Krüger, Oberbürgeremister Thomas Sprißler und Thomas Dingel (vorne)


 GB-Foto: KFS

 

Nicht nur für die Fünftklässler der Jerg-Ratgeb-Realschule gibt es bei den Gebrüdern Grimm noch so einiges zu entdecken. Denn wer von den Erwachsenen kennt schon das kurz geratene Märchen vom goldenen Schlüssel? Es steht fast sinnbildlich für die reiche Schatzkiste der Volksmärchen und Sagen, in der es immer noch viel zu entdecken gibt In dem Neckmärchen stößt ein Junge beim Holzsammeln im tief verschneiten Wald auf einen winzig kleinen goldenen Schlüssel. Tief im Erdboden birgt er das passende Kästchen zum Schlüssel. Er dreht nicht einmal, nicht zweimal, sondern - wie es die magische Zahl will - dreimal den Schlüssel herum. Dann bricht die Erzählung ab. Das finden jetzt nicht nur die Kinder „blöd". Auch die versierte Märchenerzählerin fragt sich: „Was war da mit den Grimms los?" Haben sie etwa abends angefangen die Geschichte aufzuschreiben, um am folgenden Morgen zu vergessen weiterzumachen? Denn die Spannung will ja erst mal nicht enden. Was für Schätze und wunderbare Dinge findet der Junge da wohl? Die recht halbe Geschichte, die erst einmal alle Erwartungen enttäuscht, kann aber auch derart gedeutet werden, dass ganz allgemein auf den nicht enden wollenden Schatz an Volksmärchen verwiesen wird. Selbigen gilt es zu heben und zu entschlüsseln. Unabhängig davon beflügelt sie aber einfach die Fantasie und lädt zum Fortschreiben ein.

 

Schwenk nach Siebenbürgen

 

Vorher entführt Ulrike Krawczyk ihre jungen Zuhörer ins rumänische Siebenbürgen „Die Königstochter in der Flammenburg" aus der 1856 erschienenen Sammlung deutscher Volksmärchen aus dem Sachsenlande in Siebenbürgen fährt ziemlich alles auf, was ein fantastisches und abenteuerliches Märchen alles so braucht. Eine Königsburg, nebst entführter Prinzessin, einen furchterregenden zwölfköpfigen Drachen, einen Stier mit nicht gerade wenig magischen Kräften und einen jungen Mann, der zu guter Letzt doch noch zum Helden wird. Der stammt wie so oft in Märchen aus bettelarmen Verhältnissen. Doch ihm steht ein nicht alltäglicher Stier mit goldenem Stern auf der Stirn zur Seite. Der ist ein wahrer Herkules. Der macht mit seinen Hörnern dem Jüngling ein Riesengebirge platt. Trinkt ihm sodann ein wild wogendes Meer leer, um mit solcherart Wasserkraft den Flammen der Drachenburg den Garaus zu machen. Da sieht der wutentbrannte Drache alt aus. Denn seine zwölf Hydraköpfe fallen durch den Hieb des Jünglings mit dem sieben Ellen langen Schwert auf einen Streich. Somit ist die Prinzessin gerettet, darf Hochzeit gefeiert werden und: „Wenn sie nicht gestorben sind, leben sie am Ende heute noch', merkt die Märchenerzählerin augenzwinkernd an.

 

Dagegen gehört die Erzählung von den Hexen in der Neumondnacht eher ins Reich abergläubischer Sagen und Legenden. Die Märchenerzählerin legt es in Mundart hin. Denn es stammt von der Schwäbischen Alb. Genauer aus der Gegend um den legendaren Heuberg. Die Geschichte ist ein humorvolles Schmankerl, in dem das männliche Geschlecht den Kürzeren zieht und sich über das schwächere Gegenüber eine Lehrstunde einhandelt. Die etwas sonderbare Frau entpuppt sich als zauberkraftbewahrte Hexe an der Seite ihres Angetrauten. Die geht zur Neumondnacht immer mit ihren Gefährtinnen auf Tour durch die Lüfte. Mal feiern sie ein wildes Tanzfest, bei dem selbstredend ein Geißbock den Dudelsack gibt. Oder tauschen mit ihren ebenso besenberittenen Kolleginnen aus dem Elsass die neusten Zaubersprüche aus. Das weckt spätestens dann Begehrlichkeiten beim männlichen Otto-Normal-Verbraucher, sobald Trinkgelage im Weinkeller des Stuttgarter Herzogs auf dem Neumondnachtprogramm stehen. Am Schluss muss der weibliche Zauberprofi in Vogelgestalt ran, um die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Schließlich sitzt der angetraute Trunkenbold jetzt im herzoglichen Kerker.

Dank Hans Christian Andersens Prinzessin auf der Erbse wissen die Schüler nun, woher die gleichnamige Redewendung stammt. Wie des Kaisers neue Kleider ist das Kunstmärchen ein Seitenhieb auf Eitelkeiten und überzogene Empfindlichkeiten. Die Stuttgarterin hält ihr junges Publikum in Bann. Sie erzählt frei und sehr lebendig. Zudem hat sie einen Regenmacher und ein Glöckchen dabei. Die machen nicht nur schöne Geräusche. Letzteres ist ein beliebtes Märchenmotiv, dem unter anderem im Silberglöckchen Ernst Moritz Arndts und der Glocke von Andersen eine tragende Rolle zukommt.

 

(Artikel erschienen am 16.03.2013 im Gäubote Herrenberg. Wir danken der Redaktion des Gäubote für die freundliche Genehmigung des Nachdrucks. Siehe auch www.gaeubote.de).

 

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